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Quo vadis, scheune?

von am 15 April 2011 2 Kommentare

Die scheune feiert in diesem Jahr ihr 60-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass habe ich mich mit Magnus Hecht, dem Geschäftsführer getroffen und ein wenig über die Geschichte der scheune und die in diesem Jahr stattfindenden Veranstaltungen anlässlich des Geburtstages geplaudert.

Im Dezember 1951 fand die Eröffnung des Kulturzentrums scheune statt. Was genau ist von und bei euch im Jubiläumsjahr geplant?

Wir planen rund um den Geburtstag der scheune am 21.12. einen Festakt, eine scheune-Revue, in der wir diese Jahrzehnte auf eine spaßige und künstlerische Art noch einmal abbilden werden.
Vor der Revue wird es eine Festwoche geben, wo wir versuchen, anhand einzelner Themenabende auch diese 60 Jahre sichtbar zu machen.
Das fängt in den 50ern z.B. mit Jazz an, Rock in den 60ern, in den 70ern wäre Veronika Fischer unser Lieblingsgast, Punk in den 80ern; das man letztlich für die unterschiedlichen Zielgruppen oder Generationen etwas „vorrätig hält“.

Gibt es noch Kontakte zu Angestellten oder sogar Besuchern der scheune aus früheren Jahren?

Ja die gibt es. Im vergangenen Dezember gab es sogar eine Weihnachtsfeier für die Senioren, die hier früher ein und aus gegangen sind. Trotz des widrigen Wetters, es war kalt und glatt, kamen einige.
Ein sehr schöner Moment war, als ein Herr Kaller, Teil eines ehemaligen Artistenduos, spontan nach meiner Eröffnungsrede auf die Bühne kam, um dort in seinem alten Artistenanzug eine Slapstick-Show vollführte. Irre! Ich habe ihn nicht gefragt wie alt er ist, aber wenn er 1967 das letzte Mal hier in der scheune auf der Bühne stand, kann man sich ungefähr ausrechnen, wie betagt dieser Herr sein muss! Der hat Bewegungen gemacht die konnte ich noch nie.

Und alles zur großen Verblüffung der Anwesenden, die ihn noch von früher kannten; er ist angesprochen worden von Egon Pohle, der in den Sechzigern als Conférencier auftrat und damals den ersten Chanson-Wettbewerb in der scheune veranstaltet hat.

Das sind ja Momente und Erinnerungen, die die meisten unserer Generation so nicht mehr haben werden…

Das war so ein ergreifender Moment an dem ich gemerkt habe, wie die scheune-Geschichte lebendig wird. Da fängt dieses Haus an zu erzählen und die Erkenntnis ist da, dass die scheune nicht nur für uns heutzutage ein wichtiges Zuhause ist oder für viele Künstler eine interessante Bühne, sondern dass sich diese Leute auch gern an diese vergangenen Jahrzehnte zurückerinnern, in denen sie hier gearbeitet haben, wo sie hier aufgetreten sind oder sie hier Besucher waren.

Das scheint bei sehr vielen doch eine interessante Erinnerung zu sein, sonst würden die wahrscheinlich nicht so engagiert bei der Sache sein und immer wieder Leute ansprechen.
Das ist glaub ich auch das Verbindende über die Jahrzehnte.
Natürlich hat sich der Geist geändert und auch die Rolle der scheune, aber was gleich geblieben ist: dieses Herzblut, das Engagement – man konnte auch damals nur Kulturarbeit machen wenn man etwas damit anfangen konnte.
Und was auch immer noch dageblieben ist – die Bühne der scheune erfüllt eine gewisse Aufgabe, Künstlern ab einem gewissen Niveau zu ermöglichen, sich auszuprobieren.
Man muss sich musikalisch schon gefunden haben, braucht Erfahrung; die Kapazität der scheune ist dann eigentlich spannend genug, um sich hier auf seinem Weg nach oben zu beweisen.
Das ist letztlich auch eine kulturpolitische oder gesamtgesellschaftliche Funktion.

Und heutzutage ist es mehr das Musikkabarett oder Comedy, wie bspw. Annamateur oder Olaf Schubert, die seit Jahrzehnten eine enge Verbindung zu scheune-Bühne haben.
Es gibt natürlich auch jüngere Bands die unter anderem die scheune mit ihrem Werdegang verbinden, z.B. Polarkreis 18.

Früher war das dann zu DDR-Zeiten das Ensemble der Jungen Talente, was auch im DDR-Fernsehen auftreten durfte oder ein Kurt-Weill-Programm gemacht hat, mit dem es dann jahrelang auf Tournee war.
Also letztendlich ist die Kunstform an sich gar nicht festgelegt; natürlich sind wir eher ein Musikhaus, das ergibt sich aus dieser Form und Ausstattung – früher war das eher Volkskunst.

Ist denn in den vergangenen Jahrzehnten auch archiviert worden?

Wir haben jetzt seit 3 Jahren wieder ein Archiv angelegt, seither versuchen wir zu sammeln was sich zur scheune findet.
Aber das hat auch zum Umschwung in den Achtzigerjahren dazugehört, zu den wilden Zeiten der Wende, dass darauf kein Wert gelegt wurde.

Wenn man das scheune-Jubiläumsprogramm mal sortiert würde ich sagen es gibt diese Feierlichkeit am Ende des Jahres, es gibt die Aufarbeitung der Geschichte, das Sammeln und das Anlegen einer Chronologie. Und da ist noch ein Höhepunkt: die Erweiterung unserer kleinen Ausstellung, die wir in der Staatsoperette und im Rathaus zeigen wollen.

Und wir wollen eine Publikation machen zur Geschichte der scheune mit gesammelten Anekdoten und eine zweite Broschüre mit Essays, Diskussionsbeiträgen und Ergebnissen unserer inhaltlichen Auseinandersetzung.
Denn das ist der dritte Teil, der zieht sich dann über die weiteren Monate; wir wollen in verschiedenen Veranstaltungen die scheune in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft ein bisschen beleuchten und herausfinden, was das für Auswirkungen für uns heute oder die scheune morgen hat.
Das ist für uns ein sehr wichtiger und anspruchsvoller Aspekt des scheune-Jubiläumsprogramms.

Es wir eine monatliche Veranstaltungsreihe geben, wo man z.B. DDR-Jugend- und Kulturpolitik anschaut, die Stadtteilentwicklung und Stadtteilplanung, als man dann in den Achtzigerjahren sich Wohnungen einfach angeeignet hat und wo es um Häuserkampf ging, was dann die Bunte Republik Neustadt ermöglicht hat. Davon zehren wir ja heute immer noch.
Es soll einen Vergleich geben, wie das in anderen Regionen und Ländern mit Kulturzentren ist, was es da für Voraussetzungen und Förderungen gibt, wie diese wertgeschätzt werden.
Quasi der Blick über den eigenen Tellerrand, um wirklich zu zeigen: was hat die scheune bisher gemacht, wie arbeiten wir heute – wir wollen zur Diskussion stellen, was für eine Rolle die scheune in Zukunft spielen soll.

Es wird eine Besucherversammlung geben, wo wir einladen sich daran zu beteiligen und zu diskutieren, was die Besucher, die Künstler von der scheune erwarten und was natürlich auch die Kulturverwaltung und die Stadtpolitik von uns erwartet.

Über reine Veranstaltungen auch hinaus…

Ja, auch das. Aber natürlich auch z.B. Fragen zur Lautstärke, ein sehr wichtiges Thema.
Das Stadtviertel hat sich verändert, aber wir sitzen immer noch da.
Natürlich hat sich die Bewohnerschaft auch verändert, haben teilweise Familie, haben regelmäßige Einkommen, es ist nicht mehr das Studentenleben…und wir machen aber noch Partys.

Wo sich dann die Frage stellt für wen man – was – veranstaltet, für die Besucher oder die Bewohner des Viertels.

Genau, für wen sollen wir das machen und wie weit dürfen wir gehen?

Dann gibt es noch zwei Spezialthemen in Form von Symposien, zum einen die Frage der Livemusik-Kultur.
Wir arbeiten gerade an der Sächsischen Spielstättenstudie im Auftrag der Initiative Musik der Bundesregierung, wo wir versuchen, die sächsischen Klubkollegen zum Ausfüllen eines Fragebogens zu animieren, der ausgewertet wird und verglichen wird mit vier anderen Modellregionen.
Dann wird zu sehen sein wie wir dastehen, was die Nöte und Sorgen sind.
Vielleicht ergibt sich daraus – das ist einer meiner Ideenansätze – das man vielleicht doch einen kleinen Verband der sächsischen Livemusik-Clubs oder -Kultur gründet, um stärker präsent zu sein, um auch diese Debatte der Kreativwirtschaft, der kreativen Quartiere nicht an uns vorbeirauschen zu lassen.

Siehst du aufkommende Probleme oder zumindest Tendenzen, dass sich Clubkonzerte oder überhaupt Clubkultur schwieriger veranstalten lässt oder lassen wird?

Es zeigt sich immer mehr, dass man sich um die Livemusik aktiv kümmern muss.
Gerade auf dem Land haben Veranstalter mittlerweile einen ziemlich schweren Stand, vor allem diejenigen, die ohne Kulturfördermittel arbeiten. Das liegt auch mit an MTV, VIVA und der unterirdisch schlechten öffentlich-rechlichen Radiolandschaft in Sachsen, der „Verdummung“ der nachwachsenden Generationen oder – das diese keinen Musikgeschmack mehr ausprägen und keine Neugierde mehr haben sondern lieber einmal im Vierteljahr 80 Euro für ein Riesenkonzert in Dresden oder Leipzig ausgeben anstatt 3 oder viermal 10 Euro in einem heimischen Club zu lassen. Das ist neben der Abwanderung und Geburtenknick Anfang der Neunziger Jahre inzwischen wirklich ein Problem.

Das zweite Thema heißt „Rockmusik und älter werden“.
Die Scheune wird 60, die First Generation of Rock ‘n Roll ist jetzt im Rentenalter, und wir gehen als Arbeitshypothese einfach mal davon aus, dass die sich jetzt nicht mehr von André Rieu anstecken lassen.
Wer mit dem Rock richtig groß geworden ist und Fan ist der wird auch mit 80 Jahren weiter Rock- und Popmusik hören und die Frage ist, wie geht man jetzt damit um.
Das spielt auch in der Zukunftsdebatte eine große Rolle – soll man sich ausschließlich auf die Jugend festlegen?

Aber Rock ‘n Roll ist ja von der Definition her auch immer verbunden mit einem jugendlichen Lebensgefühl, nur ist es natürlich schwierig, ein Mittwochskonzert zu besuchen was um 23 Uhr startet wenn man Familie hat und einen Job.
Oder diese Lautstärkedebatten zu führen das „Problem“ der fehlenden Sitzmöglichkeiten…
Oder überhaupt die Tatsache, dass man die Musik und die damit verbundenen Emotionen gut findet aber die Klamotten scheiße!

…oder muss sich von den deutlich Jüngeren im Saal den ganzen Abend schräg anschauen lassen…

Eben, aber es sind halt Fans und laut der demografischen Entwicklung heißt es ja, das wir immer älter werden. Das ist schon eine spannende Geschichte, die auch schon in Veranstalterverbänden diskutiert wird.
Es ist für uns eine praktische Frage, die wir für uns privat und für die Scheune beantworten müssen: wie hält man diese Leute bei Laune, dass sie sich für unbekannte dänische Bands interessieren und neugierig bleiben?
Oder gehen die wirklich nur auf die großen Konzerte der Bands die sie aus ihrer Jugend kennen?
Ich bin mir sicher, dass ein Teil von ihnen geistig rege und interessiert bleiben wird.

Aber letztendlich, auch die meisten großen Bands haben klein angefangen und mussten sich über diese scheune-Leiter beweisen. Das ist eine Funktion, die vielen nicht ganz klar ist: man muss sich diesen Livemusikbereich halten, denn jeder Mensch ist darauf „angewiesen“, Lieblingsbands und – musiker zu haben. Das Thema ist eben mit Castingbands nicht zu erledigen!
Die müssen sich authentisch von unten nach oben durchspielen. Und das geht nur wenn es solche kleine und mittlere Clubs wie die scheune gibt, wo die Verbindung zwischen Veranstalter und Publikum eben da ist, wo sich die Band dann auch ausformt.

Es ist ja in den seltensten Fällen auch der Einstieg von Null auf Hundert, der allergrößte Teil der Bands fängt ja bei null im Proberaum an und spielt sich in kleinen Clubs hoch…

Ja, dann hat es natürlich auch diesen kulturellen Aspekt, das die Musik teilweise auch Ausdruck eines ganz bestimmten Umfeldes oder Lebensgefühls ist. Das entsteht auch nicht im luftleeren Raum, es braucht diese Verortung, dieses ganz klare Einbezogensein in etwas. Und wenn es eben im Moment Annamateur und Olaf Schubert sind, wo sich eine Generation aufgehoben fühlt weil das deren Seele Nahrung gibt.

Diese Clubkultur halte ich für unglaublich wichtig. Es darf diese Balance auch nicht ganz sich selbst überlassen werden zwischen Gemeinnützigkeit im klassischen Sinne und mit einem Bein in der Musikwirtschaft und den Weg eröffnen in die Musikwirtschaft, also profitable Konzerte zu spielen.
Es hat diesen Dienst an der Gesellschaft; je weiter runter man geht desto klarer wird es, weil es mit dem Jugendhaus und dem Proberaum häufig anfängt, oder dem geförderten Musikinstrument.
Und wenn man jetzt sagt, ihr müsst das aus eigener Kraft machen, dann kann man auch nur noch Bands veranstalten, bei denen man sich hunderprozentig sicher ist.

Gibt es auch Unterstützung von „Außen“?

Wir haben einen Beirat, der uns jetzt schon sehr intensiv berät, bestehend aus Una Giesecke, Anke Lietzmann, Sprecherin der Stadtteilrunde und ehemaliges Mitglied der Scheunebrigade, Dr. Igor Jenzen, Direktor des Volkskunstmuseums, Dieter Jaenicke, Intendant des Festspielhaus Hellerau, Tobias Knoblich, Vizepräsident der kulturpolitischen Gesellschaft, Ralf Seifert vom Kultusministerium, Peter Neukirch vom Heimat- und Palitzsch-Museum in Prohlis.

Die Mitglieder des Beirats fungieren als Paten für bestimmte Aspekte des Jubiläumsprogramms.
Ralf Seifert war früher engagierter Scheunebesucher, er übernimmt die Besucherversammlung und unterstützt uns bei verschiedenen Planungen der Scheune-Akademie.
Dr. Jenzen ist an der Geschichte des Rocks einfach interessiert, die Una Giesecke befasst sich auch mit der Geschichte vor 1945 und Peter Neukirch hat sich der Ausstellung angenommen.

Wie bildet sich so ein Beirat?

Ich hab die Leute einfach gefragt ob sie nicht mitmachen wollen.
So ein Beirat ist ja letztendlich auch ein Gütesiegel und soll ja auch zeigen, dass dieses Jubiläum keine Schnappsidee ist sondern das wird das schon sehr ernst nehmen.
Es ist eine einmalige Gelegenheit in dieser scheune-Geschichte, sich dem jetzt zu widmen und diese Standortbestimmung zu wagen, auch eine Zukunftsdebatte anzuregen, um zu wissen, wie es weitergehen soll.
Nach 4 Jahren Privatisierung weiß man jetzt wie es läuft, aber wie soll es weitergehen? Was wird jetzt von uns verlangt?

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