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Öffentlicher Brief ans Scheune Team! Ich wollt mal eben Danke sagen!

von SalvadorDD am 7 März 2010 Kein Kommentar

Lieber Magnus, liebes Scheune Team,

in letzter Zeit tauchen in der Neustadt ja hin und wieder Stimmen auf, die der Scheune als institutionell gefördertem Kulturzentrum das Recht absprechen wollen, auch „klassische“ Diskos zu veranstalten, da dies hoheitliche Aufgabe der gewerblichen Gastronomen sei und künstlerisch nicht wertvoll genug.

Das klingt ja auch auf den ersten Blick logisch und herrlich einfach: Natürlich darf die öffentliche Hand nicht den einen Kiosk unterstützen und den anderen nicht.

Was aber dabei (ob aus bewusster Boshaftigkeit oder aus Naivität) nicht angesprochen wird, ist die Verwendung der Einnahmen aus solchen Veranstaltungen! Und da möchte ich Euch an dieser Stelle einmal öffentlich danken für das, was wir dank Eurem großen zeitlichen und finanziellen Aufwand mit der Scheune Akademie erreicht haben und übersieht außerdem, daß zwischen Tanzveranstaltung und Tanzveranstaltung so viele Welten liegen können wie zwischen dem Konzert einer Coverband und einem Symphoniekonzert..

Für alle, die es nicht wissen:

Die Scheune Akademie ist ein Projekt, dass ich als ehrenamtlicher Projektleiter in Zusammenarbeit mit dem Kulturzentrum Scheune Anfang 2008 gestartet habe und das sich der Weiterbildung und Vernetzung der sächsischen Musikszene widmet. In Workshops und Seminaren werden rechtliche und wirtschaftliche Grundlagen erläutert und die Musikszene mit benachbarten Kreativbranchen wie Film, Fotografie oder Design vernetzt. Dozenten und Referenten sind Profis aus der Branche, die sich bereit erklären, für vergleichsweise geringe Honorare Einblicke in ihre Arbeit zu geben.

Unsere Überzeugung damals (und heute):

In Sachsen hat es nach der Wende einfach an wirtschaftlichen Strukturen im Bereich der Musikwirtschaft gefehlt. Weder konnten Bands oder Produzenten auf professionelle Unterstützung zurückgreifen (sondern landeten in der Regel bei Firmen aus Berlin), noch konnten sich engagierte Nachwuchsmanager erfolgreich platzieren, da KnowHow, Netzwerk und finanzielle Ausstattung fehlten. In der Musikbranche sind Praktika der verbreitete Einstieg für eine Karriere. Wenn es aber kein Unternehmen gibt, wo man ein solches Praktikum absolvieren kann, dann entsteht auch nichts Neues. Dies galt und gilt z.B. auch für die elektronische Musikszene, in der Sachsen aus künstlerischer Sicht einen Platz weit oben auf der Weltkarte einnimmt, wirtschaftlich aber eher als Entwicklungsland gelten darf.

Die Macht der großen Labels und die klassischen Strukturen mit wirtschaftlich selbstständigen Einheiten in den Bereichen Label, Verlag, Booking, Promotion und Management gehen aber derzeit ihrem Ende entgegen.

Immer häufiger ist vom so genannten 360-Grad-Modell die Rede, bei dem ein Unternehmen alle Wertschöpfungsprozesse bündelt. Was sich im Großen bereits stetig entwickelt, wird auch im Kleinen funktionieren. Und das dann auch unabhängig der traditionellen Standorte der Musikindustrie! Ja man kann sagen, dass die Musikbranche die Phase „Industriealisierung“ überwunden hat und nun dank digitaler Vertriebswege reelle Chancen für vermeintlich kleinere Standorte wie Dresden, Leipzig oder Chemnitz bietet, wo es zwar (bisher) keine oder wenige Unternehmen gab, aber ein enormes künstlerisches Potential, wesentlich mehr Freiräume für Proberäume und wesentlich preiswerte Lebensbedingungen als zum Beispiel in Hamburg, München oder Köln.

Meiner Meinung nach werden sich in den nächsten Jahren sehr erfolgreich kleinteilige Einheiten in Sachsen finden, in denen Einzelkämpfer oder kleine Teams für 5-10 Künstler sowohl das Management übernehmen als auch Booking, Promotion, digitalen Vertrieb und Rechteverwaltung.

Diesen potentiellen Nachwuchs wollen wir mit unseren Angeboten ansprechen und das ist nichts, womit man Geld verdient. Im Gegenteil! Und ich möchte den Privatdiskotheker sehen, der sich solchen Inhalten widmet.

Und unser Rezept geht auf. Unsere Seminare sind alle sehr gut besucht und das Konzept wurde schon im ersten Jahr ausgezeichnet durch die Aufnahme in den Best Practise Katalog der Initiative Musik, also der Fördereinrichtung der Bundesregierung für die Musikwirtschaft. Wir hatten Anfragen von Musikräten aus ganz Deutschland, sie bei der Installation von Popkursen zu beraten.

Am 27.03. findet das 1. Branchentreffen 2010 statt und widmet sich dem Thema „Musikvideo“. In drei Vorträgen werden hier rechtliche Grundlagen, wirtschaftliche Bedeutung und ästhetische Aspekte des Musikvideos erläutert und diskutiert. Dazwischen wird Zeit genug sein, sich untereinander auszutauschen. Wir hoffen sehr auf eine ausgewogene Teilnahme von Musikszene und Filmszene gleichermaßen, denn natürlich wäre es ein toller Erfolg, wenn sich an einem solchen Tag kreative Kooperationen ergäben. Zumal eine Recherche nach bisherigen Clipproduktionen “Made in Saxony” sowohl qualitativ als auch quantitativ eher ernüchternd war.

Für mich ist das eine Herzensangelegenheit und eine Frage des „bürgerlichen Engagements“. Ohne eine starke Institution wie die Scheune kann man so etwas aber nicht umsetzen, das Engagement privatwirtschaftlicher Sponsoren hält sich jedenfalls in Grenzen.

Ihr könntet die Gelder, die in die Scheune Akademie fließen, sicherlich auch nutzen, um noch experimentellere Künstler aus aller Welt zu buchen, aber ihr habt erkannt, dass es ebenso wichtig ist, etwas für die regionale Kreativbranche zu tun!

Ihr bezahlt die Bands und DJs im Gegensatz zu vielen privaten Veranstaltern angemessen und ihr habt mit der Konzertreihe „the next big thing“ endlich wieder eine Plattform für unbekanntere Bands in der Neustadt geschaffen. Ihr habt Euch auch Experimenten im Bereich elektronischer Musik geöffnet und habt ein offenes Ohr für neue Projekte.

Auch meine neuste – und wirtschaftlich wahrscheinlich unlukrativste – Idee für die Akadmie werden wir hoffentlich gemeinsam umsetzen: Eine Veranstaltungsreihe von und für Jugendliche (Schülerbands und DJs) einmal im Monat (18 Uhr – 22 Uhr), denn eins wird immer vergessen: Ich kann noch so viel tun für Labels und Musiker (und Sachsen tut eher nichts bis gar nichts), ich muss auch das Publikum “erziehen” für die Auseinandersetzung mit Musik jenseits von Deutschland sucht den Superstar. Und jetzt zeige mir den Kneiper, der das zu seinen Aufgaben zählt?!?!

Danke also, dass Ihr mit mir gemeinsam die Akademie durchzieht. Es ist sehr viel Arbeit, aber ich habe noch nicht einen Mitarbeiter der Scheune erlebt, der nicht bereit gewesen wäre, noch einen Abend bis in die späte Nacht oder noch einen langen Sonntag zu opfern.

Ich hoffe, dass wir noch viele tolle Projekte zusammen durchziehen! Es wäre traurig, wenn sich gerade hier in der Neustadt plötzlich eine turboliberale KaufmannsDenke durchsetzt, bei dem Geschäftsleute und Gastronomen vergessen, wem sie es zu verdanken haben, dass dieses Viertel so beliebt ist, nämlich den Kreativen!

Ich bin wahrlich kein Freund von geförderten Einrichtungen, die sich auf ihren Fördergeldern ausruhen und Kulturarbeit so verstehen, dass ihre Mitarbeiter Gehalt verdienen dafür, dass sie möglichst verrückte Kleinkunst anbietet. Und davon gibt es einige! Aber ich war lange genug Musiker, Bandmanager und Tourneebegleiter, um zu wissen, dass es ohne geförderte Einrichtungen wie der Scheune keine nächsten Polakreis18 oder Silbermond geben kann, denn wer als Veranstalter Geld verdienen will, der bucht (logischerweise und zu Recht) nur, was hinreichend bekannt ist und garantiert für Zuschauer sorgt. Jede Band aber braucht am Anfang die Chance, in soziokulturellen Zentren zu spielen. Denn außer denen bieten sich im Grunde nur noch illegale Aktivitäten.

Ihr wisst, daß ich Euch noch mehr in der Pflicht sehe, auch für unbekannte Bands Freiräume zu schaffen. Den Anfang macht die Reihe “the next big thing” und hoffentlich noch dieses Jahr die Jugendkonzertreihe.

Der Radiolandschaft in Sachsen sind hiesige Musiker egal, der öffentlichen Hand sind sie mehr oder weniger egal und den gewerblichen Gastronomen ebenfalls. Es ist also an Euch! Wir haben mit der Akademie einen guten Anfang gemacht, finde ich! Lasst uns weiter am Ball bleiben.

Im Übrigen spreche ich aber nur für Musik und die Scheune ist so viel mehr. Ist Plattform für die Kollegen aus Literatur, Theater, Kleinkunst und Weltkaffee und auch seit drei Jahren wieder eine Art spirituelles Zentrum der BRN.

Das sollte bitte keiner vergessen!

In diesem Sinne auf gute Zusammenarbeit
Sebastian

Edit: Einleitung zum Brief entnommen am 12.03.2010, denn die hatten mehr Leute gelesen als den Brief! Faule Schweine :-))

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