Feigen in Bierteig - Gastronomische Neustadtnostalgien
Im ehemaligen “Nordpol” hat sich der erste - nun nicht mehr einzige - Dresdner Inder eingerichtet. [..] Karte verlockend, exotische Speisen in reichlichen Portionen, z.T. nicht ganz leicht. Unser Tip: Ein Schnaps zu Verdauung. (Aus: “Feigen im Bierteig” von A. Mariotte und T. Rehwaldt, 1994 über das MAHARADSCHA)
Über Weihnachten hab ich bei meinen Eltern Zeit gehabt, mal in meinen dort noch vor sich hin staubenden Bücherregalen zu stöbern. Abgesehen davon, daß ich echt überrascht (gar nicht mal so sehr entsetzt) war, was ich als junger Mann so alles gelesen habe und wie viel man in so kurzer Zeit vergisst (Unmengen Bände zur Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Makroökonomie und Entwicklungshilfe, nahezu alle Krimis aus dem Grafit Verlag sowie bestimmt über 100 “lustige Taschenbücher” von Walt Disney) fand sich auch der eine oder andere Schatz!
Wie zum Beispiel der Dresdner Restaurant- und Kneipenführer “Feigen in Bierteig” von 1994, verfasst von den (heutigen) Landschaftsarchitekten Till Rehwaldt und Anne Mariotte (das auf der Bautzner ansässige Büro Rehwaldt Landschaftsarchitekten mit Außenstelle in Bejing dürfte bekannt sein?) mit Illustrationen von Thomas Schindler.
1994! Wippl, Schlitzi, Schuhms und Halleluja, das ist wirklich verdammt lange her! Hier folgen ein paar eigene und im Bierteig gelesene Erinnerungen an Bärenzwinger, Goldenes Hufeisen, Raskolnikoff, Downtown & Co
Meine ersten Begegnungen mit Dresden fanden genau damals statt. Ich trieb mich bei Ausflügen aus meiner neuen Heimat Bautzen in offiziellen und weniger offiziellen Clubs rum, erinnere mich an durchzechte Feiern und Konzerte in Starclub, Scheune, Bärenzwinger, Lohrelei, Raskolnikoff (Keller), Base, Panzerhof und irgendwelchen Locations am und im Großen Garten und sonstwo in einer mir noch völlig fremden Stadt! An das Zentralohrgan auf der Böhmischen (94?), eine Second-Hand Baracke im Hecht (?) und Unmengen Parkplatzmöglichkeiten an der Uni! Alles war neu (weil - für mich als Niedersachsen - so unfassbar alt), anders und total verrückt und abenteuerlich für mich, einen in norddeutscher Beschaulichkeit aufgewachsenen “Dorfpunk mit Amateurfußballerlizenz”, den es durch Familiengeschichtliche Zufälle nach Bautzen verschlagen hatte. Meine Heimatstadt Nordenham feierte damals ihren 100. Geburtstag, Dresden fast den 800.!
Aber zurück zum Fund des Monats: Die drei oben genannten Autoren kannten sich wirklich sehr gut aus in der gastronomischen Landschaft (als Landschaftsgärtner ja auch ein wenig ihr Beruf)! Besser - ja eindeutig besser - als ich einige Jahre später (also Ende der 90er), als ich mit Freunden den Plan fasste, noch die kleinste Kneipe in Löbtau zu erobern und dabei bis Friedrichstadt selten kam. Es macht jedenfalls irrsinnig Spaß, in diesem kleinen Büchlein zu schmökern, gerade wenn man die Entwicklung der Theken- und Küchenkultur bis heute verfolgt.
So lesen wir in der Rubrik “Szene” zum Beispiel über die 100:
Groß genug - es gibt immer noch Platz, wenn alle anderen Kneipen [..] voll sind. [..] gemütlich, verqualmt. [..] Am Rande: die besten Toiletten der Neustadt-Szene.
Und ja, verdammt, tatsächlich hatte ich eine Freundin, die erstens furchtbar auf einen Wein in der 100 stand (irgendwas mit Pfefferheim und Honigsack oder so - oder war das schon später?) und zweitens dort besonders gern zum Pinkeln einkehrte. Heute würde man den Satz über die Toiletten sehr wahrscheinlich nicht mehr sagen, aber herrjeh, heute hat ja auch jede Neustadtkneipe Toiletten von einer Qualität, die weitaus edler daherkommen als alles, was damals dem normalen Studentenarsch unter den selbigen kam.
Aber weiter im Bierteig. Leichtes Schmunzeln erregt zum Beispiel der Text über das DOWNTOWN: “[..] noch ziemlich neu, die Nightlife-Riesenbar. Bißchen auf schick gemacht, eine Mischung aus american bar und neudeutschem Yuppie-Treff. [..] Es gibt auch was zu essen (Kartoffelauflauf, Nudelpfanne und so) [...] Disko und Live-Musik. Im Trend?”
Im DOWNTOWN war ich persönlich erst 95 oder 96 das erste Mal. Gegessen habe ich dort allerdings garantiert nie etwas. Vernaschen wollte man mich dort dagegen zu der Zeit häufiger. Leider waren es nie die Mädchen, von denen ich es mir gewünscht hätte. Überhaupt waren es eigentlich nie Mädchen. Aber das nur am Rande.
75 Meter weiter im SCHEUNECAFE gab es bereits damals indisches Essen (während es - wir mir gerade beim ersten Lesen auffällt - höchstens einen oder zwei Dönerläden in der ganzen Neustadt gab (Istanbul und Öz). Die Autoren schreiben:
Das Cafe im einstigen Jugendclub hat sich zur schicken Szene-Kneipe gemausert, mit Grünzeug an der Decke und Bronzehähnen an den Tischen (man sagt auch Schrottplastik dazu). Zu Essen gibt es hier indisch [...] von 12,- bis 15,- DM. Die Bedienung (sächsisch) kann keinen fachmännischen Rat erteilen, versichert jedoch, daß sich in der Küche nur echte Inder betätigen.
Na sowas, manche Dinge ändern sich wohl wirklich nie? :-)
Was gibt es noch zu entdecken? Das REITER-IN war damals noch auf der Kamenzer Straße. (”Als besondere Sehenswürdigkeit gilt der ukrainische Koch - ein netter älterer Herr, der jugendlichen Gästen das Essen persönlich an den Tisch bringt. Alexis meint, er sähe aus wie eine Figur von Chagall“). Auch hier reichen meine Erfahrungen nicht aus: Meine erste Portion Spaghetti Bolognese hatte ich erst 98, schon auf der Görlitzer. Aber so ein Chagalltyp kommt mir irgendwie bekannt vor.
Zur PINTA findet sich der schöne Satz: “Man braucht keine Lederjacke zu tragen und auch keine Designerbrille (aber es ist besser)” und das RASKOLNIKOFF galt als “Sehr in-originell. Steht daher in jedem Reiseführer, trotzdem noch nicht schlaff” (Anm. des Autors: Siehe ->Scheune und Hinweis auf Dinge, die sich nie ändern) und zum Albertgarten (Heute “Bel-Piatto” oder so..Ferrrari-Treffpunkt aber irgendwie immer noch im Opel-Ambiente) auf der Glacisstr. wird die nur bedingt zutreffende Prognose gestellt: “Wenn die Bäume einmal groß sind, dann ist es hier draußen bestimmt sehr gemütlich.” Empfohlen wird die “Französische Flugentenbrust - rosa - in Orangen-Sherry-Sauce für 30,- DM.” Gibt es das heute noch? Was kostet das in Euro? Lecker, lecker…
Richtig südländisches Flair engtwickelte sich damals (bekannterweise) vor allem in der inneren Neustadt (GIN GIN, KÖNIG ALBERT, LA SCALA, VIA RE, PONTI), die die Autoren durchaus berechtigt den Vergleich mit Schwabing ziehen lassen, was ja in mehrfacher Hinsicht bis heute so geblieben ist…Der eine oder andere Vergleich mit Italien soll ja im Regierungsviertel auch heute noch häufiger fallen.
Das GOLDENE HUFEISEN auf der Alaunstr. exisitierte noch (”Es gibt noch Bockwurst, leider wohl kein Pferdefleisch mehr. Wer den Eintritt wagt (Touristen besser nur in orts- und sprachkundiger Begleitung) kämpft zunächst durch eine wabernde Dunstwolke (alles wie im Film), darin und dahinter sitzen sie: Die Eingeborenen, in Glas, Bier und Diskussion vertieft“, ebenso wie die LATERNE (na? Wer weiß es?) und “Hativka” betrieb noch das SCHWARZ-WEISS auf der Pulsnitzer Str.: “Vielleicht die privateste Gaststätte Dresdens: hat nur drei Tische und kein Schild an der Tür, der Besucher muß um Einlaß klingeln. So langsam hat es sich herumgesprochen, die Gäste werden zahlreicher. Dies ist kein gewöhnliches Lokal, es ist Teil der jüdischen Begegnungsstätte “Hatikva”. [...] Sehr lecker” Oder gibt es dort etwa heute noch zu essen?
Vieles mehr ist zu finden, vor allem natürlich außerhalb der Neustadt. Ich - so viel steht mal fest - werde mich beim nächsten Flohmarkt am Elbufer auf die Suche nach weiteren Schätzen machen, denn kaum etwas leitet den Sonntagsspaziergang besser als ein solch “historischer” Führer. Naja, ok, “Der Turm” war auch ganz gut, aber jetzt, wo alle sagen, der hat nur geklaut, fühlt man sich auch irgendwie wieder schäbig beim türmischen Touristenrundgang.
Wer weitere Erinnerungen hat (an NEUMANNS EISGROTTE oder das erste HIERONYMUS (vielleicht sogar das TIVOLI an selber Stelle) oder nette Büchlein über die Geschichte der Neustadt, der behalte es am Besten noch 10 oder 20 Jahre für sich und eröffne dann ein Blog über die Geschichte der Neustadt oder melde sich bei uns, die wir (die inoffizielle Direktion des BRN MUSEUMS) zum BRN Jubiläum noch Quittungen, Speisekarten, Aschenbecher und andere Erinnerungen gerne in sorgfältige Obhut nehmen und mit einem Essen in der Neustadt belohnen. Vielleicht lieber nicht in der PLAN-WIRTSCHAFT (”Essen: eher mau - Spinat mit Käse überbacken oder das genial simple “Doppelsteak” (weil: zwei Steaks sind mehr als ein Steak, capito)“, aber dafür vielleicht beim ARARAT. Den gabs damals noch lange nicht und somit wird jedes nostalgische Moment direkt im Dönerduft erstickt.
Guten Appetit. Und dankt Euren Eltern fürs Aufheben der alten Bücher.









Der Koch mit der Figur von Chagall (ist damit eigentlich gemeint, dass er aussieht wie Chagall oder wie eine Figur aus nem Werk von Chagall?), der Koch jedenfalls hieß Juri und bereitete die wohl besten INTER-Nudeln der Welt zu. Zu jener Zeit durfte ich mich in dem Lokal als Kellner von Hebbe (Gott hab ihn seelig) mit nem leeren Heefe-Glas bewerfen lassen, nur weil ich der Meinung war, dass Greatful Dead und 14 Uhr nicht so recht zusammen passen.
die second hand baracke im hecht (richtig!) hieß Zentrale und war auf der Johann-Meyer-Str. Der Inhaber hat jetzt ein Bekleidungsgeschäft auf der Alaunstr. direkt neben dem Popcorn.
@anton: was spricht gegen die dead um 14 uhr?
@mirqo: stimmt: Zentrale!
@anton: ich habe um 94 rum in einem dresdner plattenbau-jugendzentrum (der gleiche bau stand mehr oder weniger in bautzen im gesundbrunnen) meine freunde von der band WIZO bei einem konzert getroffen - hast du eine ahnung, wo das gewesen sein könnte? und wann haben die boxis zur BRN gespielt? Und wo musste man damals über eine brücke über eine art schloßgraben zu technopartys gehen?
es wird zeit, daß jemand seine tagebücher von damals veröffentlicht. außerdem wird es noch viel mehr zeit für die flyer-ausstellung und/oder online-galerie, die die jungs und mädels von banq schon seit jahren planen (nicht ganz seit 94, aber…….)
@anton nochmal:
“Love, love in the afternoon
Outside the window an organ grinder’s tune
Rhythm, wine; touch of Jamaica, twilight time with a Kingston lady
All the time in the world for me and that girl
Sweet, she sang sweetly; come back soon
Come back for more of that love in the afternoon”
Greatful Dead - Love in the afternoon
:-)
@SalvadorDD
stimmt, wir planen die flyer-galerie nicht seit 1994, aber flyer aus der zeit werden 100% dabei sein ;-)
@ Salvador: Fragen über Fragen. Ich war nur leider damals nicht der Typ, der Tagebuch geschrieben hätte und meine Internetaffinität war Anfang der 90er leider gleich Null.
Greatful Dead passte mir an jenem Morgen überhaupt nicht mehr, da wir das zu dem Zeitpunkt schon ca. 2 Stunden gehört hatten. Und ich an eine Herrenrunde, aus der dann das besagte Hefeglas flog, schon mindestens eine Flasche Wodka, diverse Biere und Sekt verkauft hatte und der Rest des Frühstückpublikums geflüchtet war.
Zum Plattenbau-Jugendzentrum, das könnte die Eule in der Johannstadt gewesen sein, aber auch in Prohlis gab es einen solchen Club, ist mir aber nicht geläufig, dass der nen Namen gehabt hatte.
Techno über ne Brücke? Hm, den Panzerhof wirste wohl nicht meinen. Vielleicht im Industriegelände. Mit dieser Musikrichtung hatte ich es nicht so …
Boxis sind mir gar nicht geläufig …???
Wenn heute hier auf der Seite so viel los ist (Feiertag oder was?), dann hol ich doch glatt noch mal den Aufruf aus DIESEM Beitrag hoch.. Der ist zwar niocht so kontrovers und lustig wie andere Themen, aber mir persönlich ehrlich gesagt viel wichtiger:
schnipp
Wer weitere Erinnerungen hat [..] oder nette Büchlein über die Geschichte der Neustadt, der behalte es am Besten noch 10 oder 20 Jahre für sich und eröffne dann ein Blog über die Geschichte der Neustadt oder melde sich bei uns, die wir (die inoffizielle Direktion des BRN MUSEUMS) zum BRN Jubiläum noch Quittungen, Speisekarten, Aschenbecher und andere Erinnerungen gerne in sorgfältige Obhut nehmen und mit einem Essen in der Neustadt belohnen.
schnapp
Auch ich habe im Dezember beim Umzug Feigen im Bierteig gefunden, und für mich, der ich nun zwanzig Jahre in der Neustadt-Gastromomie verbracht habe, ( Noch nicht ganz ) Stichtag müsste irgendwann im April sein, ist das eine ganz besondere Erinnerung. Als wir bei Glatteis mit dem Sapporosh von Henne mit Hotte Krause nachts halb 3 in die Cholera zum Feierabend Bier gefahren sind. Und so weiter…. Übrigens hieß der Wein Deiner Freundin Sausenheimer Honigsack.
Beste Grüße Atze
Sausenheimer Honigsack
Sensationell…………Atze, ich wette, wenn Du tief genug wühlst, dann findet sich das eine oder andere Ausstellungsstück für das Jubiläumsmuseum der BRN?
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