1990
Jung war ich, und mittels Lutz Schramms´ “Parocktikum” auf DT 64 begann der Punkrock mit seinen Klauen nach mir zu griffeln. Die Musik war verrauscht, die Aufnahmequalität klang komplett anders als Amiga. Das war gut so, entsprach der erdigen Wut in meinem Bauch, in der der keimende Gedanke, die Weltherrschaft mittels Musik zu erreichen, einen prächtigen Nährboden fand.
So erfreute es meine Augen natürlich sehr, als im Kleinanzeigenteil der “Junge Welt” eine Elektrogitarre feilgeboten wurde, für kleine Münze und günstigerweise im benachbarten Dresden. Nach einem kurzen Briefwechsel (Telefon war damals noch nicht so verbreitet) konnte ich mich mit dem bisherigen Gitarreneigner zu einem Treffen einigen und ich startete eines schönen Frühlingstages mit dem Zug nach Dresden. Ausgerüstet mit Stadtplan und Aufregung im Bauch kletterte ich auf dem Bahnhof Neustadt aus dem Wagen der Deutschen Reichsbahn und betrat einen bunten, lebendigen, aber auch morbiden Charm versprühenden Stadtteil. Grafitties an den Wänden, alternativ wirkende Menschen auf den Strassen und eine lässige Freundlichkeit schwebten durch die Luft. Den Weg zur Böhmischen Strasse fand ich relativ schnell, die niedrigen Häuser sahen alle aus als ob die Baupolizei schon länger nicht mehr zur Inspektion dagewesen wäre. Im Haus Nummer 17, wo ich den Verkäufer in seiner Wohnung treffen wollte, standen konsequenterweise sowohl Haus- als auch Wohnungstüren offen. So befriedigte ich erst mal meine jugendliche Neugier, lernte ein paar Bewohner und Wohnungen des Hauses kennen. Die eigentliche Zielperson entzog sich zwar unserem Treffen, dafür lernte ich eine in meinen Augen unerreichbare Frau kennen. Die trank sogar einen Kaffee mit mir, extrastark und türkisch. Der erste Kaffee meines Lebens, gepaart mit einer damals noch seltenen Zigarette, verschaffte mir sogar den Kontakt mit den örtlichen Plumpsklos. Was für ein Desaster! Ich lernte die schönste Frau meines Lebens kennen und verbrachte 20 Minuten auf der Toilette! Danach verabschiedete ich mich kurz und machte mich mit dem Wissen, noch viel in Sachen Rauschmittel lernen zu müssen, auf den Weg zum Zug, ich wollte ja noch vor meinen Eltern zu Hause sein.
Die Gitarre habe ich später doch noch bekommen, der Kollege brachte sie mir sogar zu Hause vorbei. Ich besitze sie heute noch.
Meine erste Wohnung, die ich 9 Jahre später in der Neustadt bezog befand sich übrigens in der Böhmischen Strasse. Nummer 17.

hach, wie hab ich die kolumne vermisst…. ;-)
1990 – ich sitze in der tiefsten nordeutschen Provinz kurz vor Ostfriesland und spiele mit meinen Bands “Die gezeugten Jehovas” und “Zappenduster” im Dorfkrug Burhave und kloppe mich mit den katholischen Kickern vom VB Cloppenburg..Hätte mir einer gesagt, daß ich drei Jahre später auf der anderen deutschen Seite landen würde, um dort nicht mehr wegzukommen, weil die Dresdner Neustadt meine Heimat wird und der Malle so ein dufter Kumepl ist….der wäre um ein Duell Kuhfladenwerfen nicht herumgekommen.
Sehr schöner Text, aber WER WAR DIE SCHÖNE FRAU??????????????????????????????????
keine ahnung, hab sie nie wiedergesehen. oder zumindest nicht wiedererkannt. hat ja ne weile gedauert bis ich wieder da war…
Nummer 17, war da nicht das “La Mitropa” drin? Die Kneipe, die am 20. April von der Polizei gestürmt wurde, weil sie Linksextremisten drin vermutete und dann Motorradhelme als gefährliche Waffen beschlagnahmte.
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